Du bist Deutschland
“Bei großen Anlässen in Paris oder New York, wenn auf Plätzen oder in Stadien die Massen sich zusammendrängen, fällt die Abwesenheit des Kollektivs auf. Man sieht Paare und Gruppen, aber nie eine lebendige Gemeinschaft, in der die Einzelperson aufgeht und ihre Erlösung erfährt. Doch wie könnte ein armer Mexikaner ohne diese zwei oder drei Fiestas jährlich leben, die sein Elend und seine Sorgen aufwiegen. Sie sind unser einziger Luxus. Sie ersetzen - vielleicht sogar mit Gewinn - das Theater, die Ferien, das Weekend und die Cocktailparty der Angelsachsen, die Empfänge der Bourgeoisie und den Kaffee der Mittelmeervölker.”
Paz, Das Labyrinth der Einsamkeit, st 2972, S. 54
April 11th, 2006 00:54
(versuch eines SEHR komprimierten kommentars.) Ich denke so: Dieses Zitat ist ein scharfes kleines Messerchen, welches eine unerwartet tiefe, brennende Wunde in den Zivilisationskörper der Metropolen ritzt, eine Wunde, die leicht zum [Thema] “Tod” [hin-]führen kann. Das Kollektiv ist verloren. Ohne Kollektiv keine Fiesta - also: keine Möglichkeit für den einzelnen Menschen, seine individuelle Einsamkeit, sein Abgespaltensein, im-eigenen-Leben-gefangen-sein zumindest punktuell zu überwinden. Keine Möglichkeit, die Alltagswelt kurzfristig wegzuschieben, die Hierarchie der Spaltungen aufzuheben und sich mit einem tragfähigen, zusammen-haltenden Nähr-Boden zu verbinden. Keine Möglichkeit, die Grenzen des eigenen Ich zu überschreiten, keine Erlösung von der Angst vor dem individuellen Tod! Also wäre das die Aufgabe: den Rausch neu erfinden, die Transzendenz, die [Ich-]Grenz[en]überschreitung, die zeitweilige Aufhebung der Zeit - jetzt, neu, hier. jetzt? wie? wo? — (diese da fällt mir grade noch ein: Teresa Margolles, Mexico City. muerte sin fin. - yema)